inspektor sean duffy, belfast

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zu den Büchern

 

“Ich versuchte es, aber McArthur war wie ein Verkäufer, der an deiner Tür kleben bleibt, bis er seine Arbeit beendet hat.
«Ich weiß, was ihr alle bei der CID denkt. Sean Duffy verhaftet die Schurken und Chief Inspector McArthur sackt die Anerkennung ein, wenn es etwas zu holen gibt.»

«Das ist es überhaupt nicht, was wir denken, Sir!»
«Nun, ich werde nicht mehr lange da sein. Ich werde weg sein. Und es tut mir leid zu sagen, dass mir gesagt wurde, dass sie dich nicht in mein Büro setzen werden, obwohl du vom Dienstalter her die Voraussetzungen erfüllst. Sie werden dich nie befördern, Sean. Das weißt du doch, oder? Ich habe deine vertrauliche Personalakte gesehen. Es steht tatsächlich genau so drin: „Nicht geeignet für die Übernahme weiterer Verantwortung“.»
«Das hat mir schon jemand gesagt, der es auch gesehen hat.»
«Überall rote Striche. Du hast ein paar mächtige Feinde und ich nehme an, auch ein paar mächtige Freunde, da sie noch nicht versucht haben, dich rauszuschmeißen.»
McArthur wusste nicht, dass alle meine mächtigen Freunde bei einem Hubschrauberabsturz auf dem Mull of Kintyre vor zwei Jahren getötet worden waren. Jetzt hatte ich nur noch mächtige Feinde.”

 

from „Police at the Station and They Don’t look Friendly“
(eigene Übersetzung)

 

Dieses verdammt blutige Belfast

Jeden Morgen, wenn Sean Duffy sein Haus in Carrickfergus, Nordirland, verlässt, sucht er unter seinem Auto nach Bomben. Es ist bekannt, dass die IRA gerne einen von flüssigem Quecksilber gesteuerten Zünder zusammen mit einer Portion Semtex oder C4 anbringt, um Polizisten in die Luft zu jagen – und sie sind auch erfolgreich…. manchmal. Sean Duffy arbeitet in der RUC (aka Royal Ulster Constabulary), der Polizei mit der höchsten Sterblichkeitsrate in der westlichen Welt. Außerdem sind wir wieder zurück in den 80er Jahren, als die Unruhen (aka der inoffizielle Bürgerkrieg) in Nordirland kaum noch unter Kontrolle sind und ein historischer Höchststand an Todesopfern auf allen Seiten und Kollateralschäden erreicht wird.

Ich, Marlowe, war zuerst schockiert, als ich, während ich die Romane über Sean Duffys Ermittlungen las, mit der Brutalität konfrontiert wurde, die für alle Menschen, die dort drüben lebten, zur alltäglichen Routine geworden ist. Meine eigene Recherche in Wikipedia hat mich auf den aktuellen Stand gebracht: Von 1969-1998 gab es etwa 3.500 Todesopfer und etwa 40.000 Verletzte. Also starben im Durchschnitt etwa 120 Menschen pro Jahr! Etwa 10.000 Bombenexplosionen wurden registriert. …und Nordirland hatte nur 1,6 Millionen Einwohner. Nachdem ich diese Zahlen langsam setzen ließ, dachte ich nicht mehr, dass in den Romanen bzgl. Opfer und Blutvergießen übertrieben wird.

Sean Duffy ist Katholik und arbeitet in der RUC, einer fast 100% protestantischen Polizeiorganisation. Es ist nicht einfach. Ohne seine Psychologiestudiums an der Queen’s University Belfast zu beenden, trat er in die Polizei ein, nachdem eine Bombe eine Studentenkneipe in ein Schlachthaus verwandelt hatte. Sean war glücklicherweise nicht im Pub, sondern wartete draußen auf eine Freundin. Es wurde nie geklärt, wer die Bombe platziert hatte oder ob die Bombe versehentlich zu früh detoniert war. Zwei Jahre zuvor am Bloody Sunday hatte Sean noch darüber nachgedacht, der IRA beizutreten – aber nur für etwa 24 Stunden.

Er kauft ein Haus in Carrickfergus in den Ausläufern des Großraums Belfast – fast Stadt, fast Land – und lebt nun in der Coronation Road mitten unter Protestanten. Es ist eine Art Statement. Sean kommt mit allen klar und es funktioniert auch hier; langsam wird er akzeptiert – und später kann er sogar auf seine Nachbarn zählen, als ein paramilitärisches Kommando ihn zu Hause angreift. Dennoch ist es nicht einfach.

RUC Carrickfergus ist seine Basisstation. Sean Duffy, geboren 1950, beginnt 1982 als Detective Sergeant (DS) in diesem RUC-Posten zu arbeiten. Er wird zum Detective Inspector (DI) befördert – nur um bald wieder zu einem Polizisten in Uniform degradiert zu werden. Okay – er bekommt seinen DI Titel zurück, aber danach bleibt er DI (s. a. Zitat). Seine Karriere ist ein Minenfeld. Sean hat sich entschlossen, bei jeder Ermittlung immer auch den letzten Schatten von Zweifels zu klären – immer. Er ist bei jeder Ermittlung rücksichtslos und tritt nur zu gerne seinen Gegnern auf die Zehen, einfach oft nur um jeden zu verärgern, besonders wenn es sich um einflussreiche Leute handelt – ob in der Polizei, Politik oder Wirtschaft… Dieses Verhalten erzeugt postwendend Gegenreaktionen. Es ist nicht einfach.

Die RUC ist eine Insel inmitten der katholischen IRA und ihrer verschiedenen Teilorganisationen und der protestantischen, paramilitärischen Gruppen mit ebenfalls einer ganzen Reihe von lokalen Untereinheiten. Beide Organisationen haben ihre Territorien, wo sie Schutzgeld erpressen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten (und alles tun, was sie wollen!). Das nordirische Volk – das gewöhnliche Volk – verhält sich à la nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Die RUC wird von Katholiken und Protestanten angegriffen, aber niemand kümmert sich um die Polizei oder versucht, ihr zu helfen.

IRA und protestantische Gruppen haben ihr eigenes Rechtsverständnis und eigene Exekutionskommandos, d. h. Menschen verschwinden, Menschen werden getötet, Leichenteile und  Skelette tauchen Jahre später auf, Menschen werden die Kniescheiben kaputtgeschossen usw. Sean und die RUC wissen davon, können aber nichts tun, weil es keine Zügen gibt, niemand redet und es keine forensischen Beweise gibt. Es ist nicht einfach. Alle diese Fälle werden geschlossen, obwohl sie formal offen, aber inaktiv sind. Es ist verdammt frustrierend für einen besessenen Ermittler wie Sean.

Über allen diesen lokalen Organisationen schweben MI5 und MI6…. (Es gibt auch die britische Armee vor Ort, aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie eine tragende Rolle in den Romanen spielt.) Sean und MI5 haben eine Liebesaffäre, eine kurze, leidenschaftliche und dramatische Liebesaffäre. MI5 will Sean sogar rekrutieren, aber Sean zieht es vor, bei der RUC zu bleiben. Einmal hat er Verrat geübt – das reicht ihm.

Seans Ermittlungen werden nicht nur durch die allgegenwärtigen Unruhen beeinflusst. Er erlebt auch einige der wichtigsten Ereignisse – naja: nennen wir es einfach so! – jenes Jahrzehnts hautnah mit: der Massenausbruch von IRA-Kämpfern, der Attentatsversuch auf Margaret Thatcher in Brighton, der Absturz des Hubschraubers des MI5 am Mull of Kintyre…. wo er wirklich jedes Mal eine aktive Rolle spielt. Ständig sind RUC, MI5, IRA und protestantische Paramilitärs zugange, um Operationen durchzuführen und Chaos zu stiften. Manchmal mischt sogar die CIA gerne mit. Und Sean ist immer mittendrin in diesem Chaos, auch wenn es zuerst meist nicht so aussieht.

Eine der Herausforderungen, die alle betreffen, sind die Maulwürfe. Keine der Gruppen und Organisationen in Nordirland kann ohne Maulwürfe überleben und gedeihen. Es gibt also permanente Anstrengungen auf jeder Seite, um die eigenen Maulwürfe irgendwo da draußen zu schützen und die Maulwürfe der Gegner im eigenen System zu entlarven. Sean gerät mehr als einmal unfreiwillig in diese Kreise und muss dafür bezahlen. Es ist nicht einfach.

Im allgemeinen wird jeder Fall gelöst – soviel kann ich euch nach Durchsicht der Fälle versichern. Doch selbst wenn Sean die Wahrheit enthüllt, bedeutet das nicht, dass alle Täter verurteilt und inhaftiert werden. Manchmal nehmen die verschiedenen Organisationen das Gesetz in die eigene Hand, manchmal werden die Täter aus der Flucht oder bei der Festnahme unabsichtlich getötet, manchmal spazieren die Täter aufgrund höherer nationaler Interessen auch einfach aus dem Verhörraum. Wie gesagt: Es ist verdammt frustrierend für Sean. Darüber hinaus hält sich auch Sean nicht immer an die Gesetze, was ihm zwar manchmal sein Leben und auch seine Karriere rettet, aber wer in einem Glashaus lebt…

Sean ist ein Einzelgänger, obwohl er später ein kleines Team um sich hat, das er akzeptiert. Das Team besteht aus einem DS – älter und erfahren – und einem DC – jung und frisch, der einen Kollegen ersetzt, der einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fiel. Sie arbeiten gut zusammen, obwohl auch hier der Katholik auf Protestanten trifft. Das Team hat letztlich gelernt, immer ganz vorsichtig vorzugehen, denn niemand weiß so recht, wo und wann der Feind hinter der nächsten Ecke lauert oder sogar im Büro nebenan sitzt.

Seans Leben ist nicht einfach und er braucht Hilfe. Er ist ein starker Raucher, ein starker Trinker und ein Freund von Pot und Koks – manchmal. Alkohol ist überall en masse vorhanden, ob im Büro bei der RUC, ob im Büro jedes RUC-Vorgesetzten, ob in der Kneipe beim Mittagessen mit Kollegen, ob beim Bier zum Feierabend. Die negativen Auswirkungen aus den Exzessen auf Seans Leben nehmen im Laufe der Jahre zu – schließlich versucht er, es unter Kontrolle zu bekommen. Ein Grund dafür ist, dass die Ergebnisse der polizeilichen Gesundheitsinspektion alarmierend sind – er ist darüber aber eigentlich nicht wirklich beunruhigt. Entscheidender ist schon, dass Sean inzwischen mit seiner Freundin zusammenlebt – endlich nach vielem Hin und Her – und sie eine kleine Tochter haben. Und er hat sogar eine Katze.

Nach Jahren des direkten Miterlebens der Auswirkungen der Unruhen, des zunehmenden Frusts bei Ermittlungen, der schweren Verletzungen, der mächtigen Feinde und auch wegen seiner kleinen Familie beschließt Sean, seinen Job als Ermittler an den Nagel zu hängen und Berater innerhalb der Teilzeit-Reserve-Einheit zu werden sowie mit seiner Familie nach Schottland zu ziehen. Es hilft ihm und seinem Team, dass sie gerade einen extrem heiklen Fall mit Auswirkungen auf die hohen Ränge von RUC und IRA lösen konnten, über den natürlich nie in aller Ausführlichkeit in den Zeitungen berichtet wird.

All diese Geschichten und Ereignisse, die RUC als Organisation an der Belastungsgrenze und das zu oft armselige Privatleben werden von Sean selbst erzählt. Die Ansichten zu Nordirland und seine Probleme spiegeln Seans spezifische Sicht der Dinge wieder. Vielleicht ist das ein weiterer Grund, die Romane nacheinander zu lesen: Es ist ein umfassender, aber dennoch privater Ausschnitt der schrecklichen Ereignisse, der von einer einzelnen Person beschrieben wird, die sich trotzdem ihren Optimismus bewahrt.

 

…am Ende:
Ich glaube nicht, dass Seans Ära vorbei ist, auch wenn er kein aktiver DI mehr ist. Die Rolle als Berater in Teilzeit bietet sicherlich genügend Potenzial für knifflige und gefährliche neue Fälle.

 

 

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a faint cold fear thrills through my veins... william shakespeare