carl mørck, leiter sonderdezernat q, kopenhagen

Print Friendly, PDF & Email

Dieser Beitrag enthält Werbung – Advertising.

 

 

zu den Büchern & mehr

 

Carl trat einen Schritt näher an den Spiegel heran. Mit dem Zeigefinger fuhr er sich über die Stelle an der Schläfe, wo ihn die Kugel gestreift hatte. Die Wunde war verheilt, aber die Narbe zeichnete sich am Haaransatz deutlich ab. Sofern sich überhaupt jemand die mühe machte hinzusehen. …
Er hatte sich verändert. Die Falten um den Mund waren tiefer geworden, die dunklen Ringe unter den Augen nicht zu übersehen. Augen, die etwas ausdrückten, das bei zu Carl Mørck gehört hatte: Gleichgültigkeit. Nein, wer war nicht mehr der Alte, der erfahrene Kriminalbeamte, der für seine Arbeit brannte. Er war auch nicht mehr der elegante groß gewachsene Jütländer, bei dessen Anblick sich Augenbrauen oben und Lippen öffneten. Aber was bedeutete das jetzt noch?  …
An jenem Tag war Carls Team an der Reihe. Weder er noch seine beiden Assistenten hatten Einwände, auch wenn sich Carl wie gewöhnlich über den Arbeitsdruck aufregte und über das langsame Tempo der anderen Teams. Aber wer hätte ahnen können, dass dieser Fall dermaßen fatal enden sollte? Dass kaum fünf Minuten, nachdem sie in den Leichengestank eingetreten waren, Anker in einer Blutlache am Boden liegen und Hardy seine letzten Schritte gegangen sein würde. Und in Carl das Feuer erloschen war, das er so unbedingt brauchte, um seinen Job bei der Kopenhagener Mordkommission zu machen.  …
»Marcus. Die Leute sagen es nicht so direkt, aber Mørck ist ein Alptraum, und das war er im Übrigen auch schon vorher. Der passt hier nicht hin, wir sind einfach zu sehr aufeinander angewiesen. Als Kollege ist Carl eine Katastrophe, und das war er vom ersten Tag an. Warum hast du ihn überhaupt aus Bellahøj hierhergeholt?«
Marcus sah seinen Stellvertreter fest an. »Weil der Mann ein phantastischer Ermittler ist. Deshalb!«”

aus „Erbarmen”

 

Über Grausamkeit im glücklichen Dänemark

Carl Mørck ist seit dem Tag verdammt, als bei einem Routineeinsatz an einem Tatort einer seiner engen Mitarbeiter, Anker, im Kugelhagel stirbt und der andere, Hardy, vom Hals abwärts querschnittsgelähmt überlebt. Sie alle werden an diesem Tatort überraschend angegriffen und nur Carl überlebt ohne ernste Verletzungen. Dieser Überfall wird nie aufgeklärt, obwohl drei Polizisten zu Opfern geworden sind – man sollte also eigentlich davon ausgehen, dass die Polizei ein ureigenes Interesse daran hat, die Angreifer festzunehmen, sie verurteilen zu lassen und anschließend die Schlüssel zu ihren Zellen zu verlieren. Carl selbst macht sich seither Vorwürfe, weil er denkt, er sei zu langsam gewesen, zu überrascht von diesem plötzlichen Angriff, zu schockiert, um sich und seine Leute zu verteidigen.

Nach seiner Rückkehr in die Mordkommission ist er nicht gerade umgänglich und freundlich zu seinen Kollegen, was er wohl auch nicht gerade vorher war, aber jeder weiß, dass er ein brillanter Ermittler ist. So wird er zum Leiter einer neuen Abteilung befördert, die sich mit Cold Cases befassen soll. (Die ganze Aktion ist Mittel zum Zweck: Zugang zu Subventionsgeldern zu erlangen.)

Einerseits scheint es zwar eine ganze Reihe von Cold Cases zu geben, ansonsten ist es aber nur ein kleines Team, das sie bearbeiten soll: da ist Carl und da ist Assad – für den Anfang nur sie. Beide bekommen Büros im Keller, miserabel ausgestattet, bis Carl einen kleinen Aufstand anzettelt, nachdem er bemerkt hat, dass die für sein Team bestimmten finanziellen Mittel anderweitig ausgegeben werden. Später gesellen sich noch eine Assistentin und ein Nachwuchspolizist zum Team, was das Team insgesamt aufmöbelt, erfolgreicher werden lässt, aber auch unruhiger macht.

Carl sollte eigentlich zufrieden sein: eine neue Herausforderung, ein kleines, eigenes Team, zwar viel Arbeit, aber er darf sich aussuchen, womit er sich gern beschäftigen möchte. Natürlich gibt es immer noch Hardy: Carl sorgt sich um ihn und für ihn, ist aber gleichzeitig am Boden zerstört, wenn er ihn sieht. Er ist depressiv, sein Leben ist miserabel, und so macht er anderen das Leben gern zur Hölle. Aber es gibt die Fälle … und Carl fühlt sich besser, wenn er einer heißen Spur nachgeht und sich der Lösung eines Falles widmen kann. Als die Serie beginnt, ist er Mitte 40; im letzten Roman schließlich nähert er sich Mitte 50: niemals in all den Jahren scheint er wieder wirklich glücklich und unbeschwert zu sein, abgesehen von seiner Arbeit an den Cold Cases.

Die Cold Cases entpuppen sich als anspruchsvoll, schräg und schrecklich – immer wieder stoßen Carl und sein Team auf ausgeklügelte Grausamkeiten. Alles wurde meist vor Jahren begraben und zu den Akten gelegt, je nachdem aus Mangel an Beweisen oder fehlenden Spuren, auf Druck aus einflussreichen Kreisen oder schlicht Unwissenheit und Faulheit.

Ich, Marlowe, war schockiert, als ich den ersten Roman dieser Reihe las. Die Statistik sagt uns, dass die Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt zu zählen sind. Vielleicht stimmt es – aber es scheinen auch mehr Verrückte und Psychos da draußen unterwegs zu sein, als man sich vorstellen kann. Wir sprechen hier nicht von den normalen Kriminellen, von Gangs, chinesischen Triaden, der russischen Mafia … all diesen wohlbekannten üblichen Verdächtigen. Die Verbrecher, mit denen Carl Mørck und sein Team zu tun haben, leben unter uns, in unserem Stadtviertel, in pittoresken Dörfern, in exklusiven Country-Clubs – und sie sind seit langen Jahren aktiv. Die Serie zeigt uns eine neue Qualität von Verbrechen und Brutalität, die unter die Haut gehen. Man fragt sich, wie das in einem zivilisierten Land wie Dänemark geschehen kann.

In den Fällen geht es um barbarische, persönliche Racheakte, obskure religiöse Kulte in abgelegenen Dörfern des Landes, Terrorismus, Leidenschaft für extreme Hobbies, die das Leben anderer Menschen aufs Spiel setzen, Kindesmissbrauch, Misshandlung lediger, schwangerer Frauen … alles versteckt hinter einer gut gepflegten, sozial beflissenen Fassade. Alles beginnt irgendwann in der Vergangenheit, aber plötzlich gibt es neue Hinweise, neue Opfer, neue Wendungen, die zu erstaunlichen Erkenntnissen führen. Alles wurde vergraben, Gut und Böse verworren und verwoben, tief verborgen – und es braucht die Genialität eines Ermittlers wie Carl Mørck (und seines Teams), um den Fall wieder zu öffnen, die Fakten zu analysieren, neue Informationen einzubeziehen und sich schließlich zu beeilen, um ein weiteres Opfer zu retten, das kurz vor dem Abgrund steht.

In der Welt von Carl Mørck sind die Menschen grausam und gewalttätig gegen ihre Mitmenschen. Unermüdlich. Unerbittlich. Dänemark ist ein Wohlfahrtsstaat mit einer zivilisierten Gesellschaft, aber gerade dieses Umfeld scheint überall versteckte Gewalt zu begünstigen. All diese Titel der Romane, so kurz und so prägnant, Stichworte, die direkt aus dem Alten Testament entsprungen zu sein scheinen, treffen auf die Gräueltaten zu, die tagtäglich geschehen.

In der ganzen Serie gibt es verbindende Elemente, die sich durch jeden Roman ziehen. Es ist einmal der Angriff auf Carl, Anker und Hardy und seine Auswirkungen. Parallel dazu ist es das geheimnisvolle Leben von Assad und seine Vorgeschichte.

Der Angriff ist in jedem Roman der Serie im Hintergrund präsent. Es sieht nicht so aus, als gäbe es irgendwelche Anstrengungen, diesen Fall endlich aufzuklären. Eigentlich ist der Angriff inzwischen selbst ein Cold Case. Manchmal gibt es versteckte Andeutungen, dass korrupte Polizisten beteiligt waren – ich erinnere mich auch daran, dass in Carls Kopf schon einmal der Gedanke Fuß fasste, dass Anker ein falsch Spiel getrieben haben könnte. Vielleicht kommt es bald zu einer Klarstellung der Fakten: gegen Ende der 8. Romans Nr. 8 spricht Hardy von neuen Informationen zu The Nail-Gun Killings (aka der Angriff), die man mit Carl besprechen will. Warten wir also ab, dann sehen wir weiter. Vielleicht.

Was Assad und seine mysteriöse Vergangenheit betrifft. Im 8. Roman kommt endlich alles ans Tageslicht. Ich denke, es war an der Zeit, das zu tun. Carl ist gegenüber Assad von Beginn ihrer Zusammenarbeit an misstrauisch. Er hält Assad für einen Schwachkopf, der das Glück hatte, diesen Job zu bekommen, was – wie Carl meint – hauptsächlich darin besteht zu putzen, aufzuräumen, Kaffee zu kochen … Man merkt recht schnell, dass Assad viel mehr als ein unbedarfter politischer Flüchtling ist. Er besitzt neben seinen analytischen Fähigkeiten eine Menge Wissen und Fähigkeiten, Sprachkenntnisse und emotionale Intelligenz. Trotzdem ist Carl misstrauisch – und ein klein wenig eifersüchtig.

Im 8. Roman wird Assads grausames Schicksal Schritt für Schritt enthüllt. Wir erfahren von seiner Familie, seinem Leben in Dänemark in einer Spezialeinheit, seiner Flucht aus dem Nahen Osten. Und Carl wird sofort und heftig aktiv, sobald er glaubt, dass Assad in Lebensgefahr ist, weil Bruchtücke an Informationen über Assads früheres Leben auftauchen und Assad plötzlich losstürmt, um lange verborgenen Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Carl vermutet schnell noch viel mehr dahinter und behält Recht: es schein, dass ein Anschlag geplant wird, mit Menschen, die vor Jahren spurlos verschwunden sind. Das Schicksal von Assad und seiner Familie ist wirklich keine leichte Kost.

Carls Welt dreht sich um sein Team und einige Freunde. Abgesehen von Assad scheinen alle anderen etwas sondernar zu sein. Rose, seine persönliche Assistentin, hat eine Menge privater Probleme, die mehr oder weniger in allen Romanen auftauchen und alles etwas komplizierter werden lassen. Carls Mitbewohner kümmern sich um Hardy, haben aber auch mit ihrem eigenen Leben so ihre Probleme. Trotzdem scheinen sie alle glücklich zu sein, grundsätzlich glücklich. Irgendwie passt Carl nicht in diese kleine Welt, denn er ist eher negativ und unfreundlich – wie schon zu Anfang festgestellt.

Der Erfolg dieser Serie liegt darin, dass die alltägliche, dunkle Seite unseres Lebens ins Rampenlicht gerückt wird, eine Facette, die wir normalerweise nicht wahrnehmen bzw. wahrnehmen wollen. Dies alles führt dann zur Aufdeckung von Gräueltaten, die manchmal so simpel und gleichzeitig so schrecklich scheinen. Die Opfer sind viel zu oft zu jung, zu ungebildet, zu arm … um sich selbst helfen zu können. Hat der Wohlfahrtsstaat in all diesen Fällen versagt? Vielleicht, aber es gibt auch viel zu viele psychisch gestörte Menschen da draußen, die ihr Leben als respektierte Bürger leben, bis etwas passiert, irgendeine unbedeutende Sache, die etwas in Gang setzt.

 

Spread the word. Share this post!

a faint cold fear thrills through my veins ... william shakespeare