capitaine roger blanc

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zu den Büchern

 

Vom Krisenmanagement in der Provence

„Er war Capitaine einer Spezialeinheit der Gendarmerie in Paris, ein Mann Anfang vierzig mit blassblauen Augen, in schwarzem T-Shirt, Jeans und ausgelatschten Sportschuhen. Ein Experte, der so viele Fälle gelöst hatte, dass er seinen Kollegen unheimlich war. Bewohner eines Appartements über den Dächern des sechzehnten Arrondissements. Ehegatte einer wundervollen Frau. Zumindest war das alles so gewesen bis zum letzten Freitag um 11.30 Uhr. Jetzt war es 9.00 Uhr am Montag und seine Karriere lag im Altpapiercontainer, Fotos seines Appartements wurden gerade im Schaufenster eines Maklers aufgehängt und seine Frau war zu ihrem Liebhaber gezogen. 
Am Freitag um 11.30 Uhr war er in die Zentrale der Gendarmerie einbestellt worden, einem kalten neuen Zweckbau in der Rue Claude Bernard in Issy-les-Moulineaux jenseits des Périphérique von Paris. Monsieur Jean-Charles Vialaron-Allègre hatte ihn herbeordert, Enarch, Abgeordneter, Staatssekretär im Innenministerium und einer jener Männer in der Regierungspartei, deren unermesslicher Ehrgeiz erst mit dem Einzug in den Èlisèe gesättigt wäre. 
Blanc stand in Vialaron-Allègres Büro und schwankte vor Müdigkeit. Er hatte in den letzten Monaten keinen freien Tag gehabt. Die wenigen Sunden Schlaf hatte er oft genug in der Gendarmeriestation verbracht, die gummierte Schreibtischunterlage vor dem Monitor war sein Kissen gewesen. Das war der Preis, den er zahlen musste (der einzige, wie er da noch dachte), um seinen ehemaligen Handelsminister zu überführen, bevor der alle belastenden Unterlagen verschwinden lassen konnte. Eine alte Geschichte, aber noch nicht verjährt: …
Blanc hoffte deshalb, dass er befördert werden würde: Commandant der Gendarmerie. In seinem Alter. Nicht schlecht.

«Gratuliere. Sie werden versetzt.» Die Stimme von Vialaron-Allègre klang wie Kreide auf einer Schultafel. …
«In den Süden.»
Blancs Gedanken tanzten. Der Midi. Mafia. Provinz. Arsch der Welt. Die Müllkippe jeder Karriere.”

aus: „Mörderischer Mistral”

 

Roger Blanc ist inmitten einer Krise – eine Krise?
Ich würde sagen, er steckt in einer Jobkrise, einer Familienkrise, einer Beziehungskrise und einer Existenzkrise. Er hat sich einen mächtigen Feind gemacht und seine Familie und seine Freunde verloren – und er lebt nicht mehr in Paris, sondern irgendwo im Süden Frankreichs.

Ich, Marlowe, möchte kurz darauf hinweisen, dass die Bücher im Zeitraum von Juli bis November spielen. Also nur, damit klar ist, dass sich alle bisherigen Fälle (insgesamt 5!) in etwa fünf aufeinanderfolgenden Monaten zugetragen haben. Ich denke mal, dass es so auch weitergehen wird. Am 1. Juli tritt Capitaine Roger Blanc in der Provence zum Dienst an; die Fälle reichen aktuell bis November. Eine Jahreszahl wird nicht genannt, aber aktuelle Ereignisse und Katastrophen wie der Selbstmordflug jenes deutschen Germanwings-Piloten fließen als Hintergrundinformation in die Romane ein.

Roger ist ein Workaholic. Er ist besessen davon, Kriminalfälle zu lösen und die Schuldigen hinter Gitter zu bringen. Als Korruptionsermittler braucht er einen langen Atem und viel Geduld; mit Akribie arbeitet er sich durch Aktenberge, vertieft sich in Bankunterlagen, Korrespondenz-Ordner, analysiert und sammelt Beweise. Er arbeitet und arbeitet… und seine Familie geht dabei verloren. Seine beiden Kinder sind inzwischen erwachsen, wohnen nicht mehr zu Hause und haben für ihren Vater, der in ihrer Kindheit und Jugend meist durch Abwesenheit glänzte, nicht allzu viel übrig. Seine aktuellen Annäherungsversuche sind linkisch und nur von geringem Erfolg gekrönt – soweit die Familienkrise.

Vor allem hat er bei all seinen Ermittlungen nicht bemerkt, dass ihm seine Frau auch langsam abhanden gekommen ist und seit einem Jahr schon einen Liebhaber hat. Sie zieht kurzentschlossen aus der gemeinsamen Pariser Wohnung aus und bei ihrem Liebhaber ein: Scheidungspapiere werden verschickt. Aktueller Auslöser dürfte Rogers plötzliche Versetzung in die Provence sein, die zu einem letzten streitfreudigen Wochenende in Paris führte. Nun ist erst einmal in Paris alles in Trümmern und die Wohnung wird verkauft. Die Scheidung wird etwa drei Monate später vollzogen – soweit die Beziehungskrise.

Roger, der aus dem Norden Frankreichs stammt, muss sich im Süden, in der Provence, einrichten. Glücklicherweise hat er vor Jahren eine alte, halb verfallene Ölmühle von seinem Onkel geerbt. Er zieht ein – es gibt auch keine Alternative – und beschließt, die Ölmühle zu seinem neuen Zuhause zu machen. Er renoviert nach Kräften und verausgabt sich physisch und wohl auch finanziell, aber irgendwie muss er seinen Frust abbauen und seine überschüssige Energie loswerden. Die Provence mit ihrem ungewohnten Klima und ihrer eigenen Lebensart, die verfallene Ölmühle, die ein neues Dach braucht, seine zänkischen Nachbarn, aber auch die neuen Freunde aus der Umgegend, die ihn mit Wein und Comfort Food versorgen: Roger sieht sich damit konfrontiert, dass er eine neue Existenz aufbauen muss (à la „Gehen Sie zurück auf Start, aber nicht über Los!“) und sich um Dinge, wie eine neue Küche (!), kümmern muss, die bisher für ihn keine Rolle spielten – soviel zur Existenzkrise, denn er weiß noch nicht, wohin es gehen soll – und das gilt auch für seinen Job.

Roger trifft in Gadet, einer Kleinstadt in der Nähe des Étang de Berre, auf eine kleine Gendarmerie Station, in der er nicht gerade willkommen ist. Sein Chef, Commandante Nicolas Nkoulou, etwa Mitte dreissig, ist auf dem Karrierepfad und nicht glücklich darüber, dass er sich um den in Ungnade gefallenen Roger kümmern muss. Der allmächtige Jean-Charles Vialaron-Allègre aus dem Innenministerium (nennen wir ihn einfach JCVA!) hat seine Beziehungen spielen lassen, um Roger von seiner Untersuchung abzuziehen und in der Provence kaltzustellen. Nkoulou weiß grundsätzlich darüber Bescheid und befürchtet, dass es seiner geplanten Karriere schaden wird, denn er muss zwei Herren dienen: seinem aktuellen Job, für dessen Aufgaben er Roger eigentlich gebrauchen kann, und JCVA, der versuchen wird, Roger endgültig loszuwerden. Also macht er sich Gedanken darüber, wie er selbst das Problem Roger schnellstmöglich abschieben kann.

Roger wiederum ist klar, dass seine Karriere bei der Gendarmerie beendet ist. Mit Wohlverhalten kann er vielleicht seinen Job und sein Einkommen retten, aber das ist auch alles. Es gefällt ihm natürlich nicht, aber er verbeißt sich erst einmal in seine neuen Fälle, um nicht immer wieder an die negativen Konsequenzen zu denken, die aus seiner Jobkrise schon erwachsen sind oder aber auch noch kommen können.

Roger merkt bald, dass die Uhren in der Provence – auch bei der Gendarmerie – anders gehen. Sein Partner, Lieutenant Marius Tonon, ist Alkoholiker; niemand möchte mit ihm zusammenarbeiten, da er vor Jahren bei einem Einsatz „Mist gebaut hat“. Die Rechtsmedizinerin, Fontaine Thezan, ist brilliant und raucht Hasch oder Marihuana oder was auch immer. Die Computerspezialistin, Fabienne Souillard ist lesbisch und kämpft mit dem Bürgermeister für ihre Eheschließung vor Ort. Die übrigen Kollegen sind oberflächlich gesehen faul und zurückhaltend – niemand möchte mit ihm untergehen, denn alle sind sich einig, dass genau das passieren wird.

Und damit sind wir wieder bei JCVA. Roger ist ihm oder einem seiner Freunde in seiner Rolle als Korruptionsermittler auf die Füße getreten. Roger hat zwar keine Beweise, aber die blitzschnelle Reaktion sagt alles. JCVA kann Roger vernichten, seine Existenz zerstören. Rogers Basis in Paris ist bereits in Trümmer gelegt worden, seine Kollegen haben sich ganz schnell zurückgezogen, seine Ehe existiert nicht mehr, er ist Anfang vierzig und hat noch nie etwas anderes gemacht, als bei der Gendarmerie zu ermitteln. Was soll aus ihm werden? Zähneknirschend fügt sich Roger und versucht, seine Jobkrise zu überleben.

…und dann ist noch Aveline! Sie tritt in sein Leben und wird seine Geliebte – halt: falsch – er wird ihr Geliebter. Sie ist Ende dreissig, gutaussehend, charmant, intelligent: als Untersuchungsrichterin mischt sie in allen Fällen mit. ABER: sie ist auch verheiratet – mit JCVA! Wow! Roger begibt sich hier wirklich auf dünnes Eis. Er ist verrückt nach Aveline und weiß, dass es ihn (wieder einmal) den Kopf kosten kann, wenn JCVA davon erfährt.

Hier ist einer der Stellen, wo ich immer wieder beginne zu grübeln. Was hat Aveline vor? Ist sie die gelangweilte Frau eines Politikers, die Abwechslung sucht? Sie lebt in der Provence, ihr Mann in Paris: eine Wochenendehe. Hat sie sich in Roger verknallt und will es nicht zugeben? Weiß JCVA wirklich nichts darüber? Schließlich ist Aveline für JCVA die ideale Aufsichtsperson, um Roger im Zaum zu halten.

Erst einmal ist das Leben in der Provence für Roger anstrengend. Lichtblicke sind seine alte Ölmühle, in der er sich immer wohler fühlt. Seine Nachbarin Paulette hilft ihm gern und versorgt ihn mit gutem Essen, Gesellschaft, Abenden im Kreis ihrer Freunde mit viel Wein… Ja: das gute Leben in Südfrankreich – ein bisschen davon landet auch bei Roger.

Neben all den persönlichen Krisen haben wir natürlich auch noch die Kriminalfälle, die schnell eskalieren und die provenzialische Idylle sprengen. Ob Rechtsextreme versuchen, Rechnungen zu begleichen, ob korrupte Bürgermeister Investitionen planen, ob der IS (ja: der IS – diese Truppe von islamischen Terroristen) versucht, ein Attentat zu verüben, ob plötzlich alte Geschichten aus der Zeit des RAF Terrorismus die Aktivisten von damals einholen, die nie gefasst wurden: Roger ist mittendrin und wird hin und wieder auch zum Opfer physischer Angriffe. Dazu kommen noch verschwundene Gemälde von Vincent van Gogh, Umweltaktivisten, Drogenschmuggel… und immer wieder ist irgendwo JCVA im Hintergrund und zieht die Strippen, um zu verhindern, dass Unheil passiert. Es geht soweit, dass Verbrechen absichtlich verschleiert und Täter nicht angeklagt werden – zum Wohl des Staates oder von JVCA und seinen Freunden.

Es bleibt spannend. Nkoulou hat ein Geheimnis – eine Beziehung zu einer jungen Drogensüchtigen. Aveline hat ein Geheimnis – ihre Liebschaft. Tonon hat ein Geheimnis – seine Alkoholsucht und ein Undercover-Einsatz. Roger verzweifelt manchmal: er deckt auf, er ist aktiv, hyperaktiv, wird immer wieder zum Workaholic – und wird immer wieder von JCVA ausgebremst.

Wie lange wird das noch gutgehen?

In den Romanen treffen die Provence und ihre Schönheit und das berühmte Savoir Vivre brutal auf die heutige Wirklichkeit des Verbrechens und des Terrors. Karriersucht, Geldgier, Absicherung sind die Triebfedern für Verbrechen und politische und private Einflussnahme. Der Krug geht solange zum Brunnen… Roger möchte gern der lachende Dritte sein, aber schafft er es? Nach ein paar Monaten beginnt er, wieder Dossiers anzulegen… wie damals in Paris!

 

Zum Schluss:
Die Romanreihe verdient noch ein paar Fortsetzungen, um die temporeiche Reihe mit den Verwicklungen und Abgründen in Politik und Gesellschaft abzurunden.

 

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a faint cold fear thrills through my veins... william shakespeare