bernie gunther – kriminalbeamter, privatdetektiv, spion

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Quelle: pixabay

 

 

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„Ich kenn das. Man kommt allein auf die Welt, und man stirbt allein, und die übrige Zeit muss man sehen, wie man klarkommt.”

aus „Mission Walhalla”

 

Ein deutsches Leben

Bernie Gunther wurde 1898 in Deutschland geboren, als Deutschland noch ein Kaiserreich war. Er lebt in Berlin, zumindest in den 30er und 40er Jahren. Sein Leben, oder besser gesagt ein guter Teil davon, wird in 14 Romanen, die in der Zeit von 1928 bis 1957 spielen, dokumentiert – und er stirbt 1957 noch nicht. Wer in seine Abenteuern abtaucht, wird irgendwann schon denken, dass es irgendwie erstaunlich ist, wie er all die schrecklichen Ereignisse, all die gefährlichen Zwischenfälle, all die Begegnungen mit hinterhältigen und gewaltbereiten Menschen während dieser Jahrzehnte überhaupt überlebt.

Bernie ist gerade alt genug, um noch am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Danach, nachdem die Weimarer Republik ausgerufen wurde, tritt er dem Polizeikorps bei und macht sich als Ermittler in der Mordkommission einen Namen, als er die Jagd auf einen Massenmörder, einen Serienkiller, für sich entscheidet. Irgendwann kündigt er und wird zum Privatdetektiv – nur um recht schnell vom aufstrebenden Dritten Reich wieder in den Polizeidienst gezwungen zu werden. Der zweite Weltkrieg beginnt und er wird, wie der Rest der Polizei, Mitglied der SS. Er erlebt die Ostfront hautnah und gerät schließlich in russische Gefangenschaft.

Nach dem zweiten Weltkrieg beginnt er im zerbombten Berlin wieder als Privatdetektiv, wird aber schnell zur Kooperation als Spion gezwungen. Er wird sogar einige Jahre später für kurze Zeit als Kriegsverbrecher inhaftiert. Der Kalte Krieg nimmt langsam Fahrt auf und Bernies Fähigkeiten werden auf beiden Seiten geschätzt – national und international. Es scheint, dass er sich nicht einfach in den Ruhestand zurückziehen kann: Selbst als er sich mit gefälschten Papieren an der Mittelmeerküste versteckt, wird er erneut aktiviert und gezwungen, ums Überleben zu kämpfen – gleichzeitig kann er sich dabei aber persönlich an einem Nazi-Verbrecher rächen, der seine Freundin auf dem Gewissen hat. Als er später in München für eine Versicherungsgesellschaft arbeitet, muss er erneut in die Abgründe des Dritten Reiches eintauchen. Immer wieder.

Ich, Marlowe, war etwas länger damit beschäftigt, Bernies Leben und seine Erlebnisse zu sortieren. Die Romane sind nicht chronologisch geordnet, sondern der erste Roman beginnt 1936 und in den anschließenden Bänden werden wir in die Vorkriegszeit und die Nachkriegswirren katapultiert. Die späteren Romane behandeln sowohl Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg, während des Kalten Krieges als auch Ereignisse während des Krieges, die Bernie immer wieder heimsuchen – beim Lesen springt man von den 50er Jahren zurück in die 30er Jahre usw. So wird Stück für Stück das Leben von Bernie Gunther enthüllt.

Ich habe überlegt, ob Bernie Gunther in diesen Blog passt: Gibt es außer Kriegsverbrechen noch andere Verbrechen? Ja – Bernie arbeitet als Kriminalbeamter bei der Berliner Polizei und ermittelt in Mordfällen. Gibt es im Zweiten Weltkrieg auch Verbrechen? Ja – es gibt neben Kriegsverbrechen auch „ganz normale“ Verbrechen, und in seiner Rolle als SS-Angehöriger ermittelt Bernie Gunther. Während des Kalten Krieges: Hat es der Spion Bernie auch mit Verbrechen zu tun? Ja – er wird in Verrat und Mord aus patriotischen Gründen verwickelt bzw. muss die blutigen Folgen von Geheimdienst-Aktionen aufräumen.

Also: Bernie ist nicht nur ein Kriminalbeamter im Morddezernat und ein auf vermisste Personen spezialisierter Privatdetektiv (in den 30er Jahren gab es in Berlin sehr viele Vermisste …), sondern auch ein Soldat, ein SS-Angehöriger, ein Kriegsgefangener und ein Spion, der für jeden arbeitet, der ihn dazu zwingt. Allein dies alles schafft eine Basis für spannende Romane.

Während seiner Abenteuer begegnet Bernie vielen berüchtigten Zeitgenossen. Nazi-Größen im Polizeidienst und der vielen anderen Überwachungsbehörden, der SS … (besonders Reinhard Heydrich) haben Interesse an Bernie und benutzen ihn zur Lösung ihrer speziellen Probleme. Er lernt, mit dem russischen, aber auch mit dem US-Geheimdienst und dem britischen Geheimdienst umzugehen. Darüber hinaus ist auch der aufstrebende Osten Deutschlands (insbesondere Erich Mielke) erpicht auf seine Dienste. Einmal taucht W. Somerset Maugham auf … in einem geheimdienstlichen und homoerotischen Kontext.

Überall finden sich bekannte “Dinge”, “Orte”, “Ereignisse” … Ich spreche vom Massaker von Katyn, den berüchtigten Konzentrationslagern, dem Hotel Lux in Moskau, der Heimstatt für internationale Kommunisten, dem berühmten Bernsteinzimmer, dem illustren Berghof am Obersalzberg, dem tragischen Untergang der Wilhelm Gustloff, den Cambridge Five, Kuba vor der Revolution, den geschwärzten Ruinen des Berlin der späten 40er Jahre, dem Wien von Orson Welles zur gleichen Zeit … All dies ist irgendwie mit Bernies Abenteuern verwoben.

Es bleibt noch, Bernie als Mensch zu betrachten. Man liest oft, dass er der typische Anti-Held ist. Er hat sich nie aufgemacht, um die Welt zu retten oder Schlachten im Krieg zu gewinnen oder ein professioneller Lebensretter zu werden. Aber er ist neugierig – sehr neugierig – und will jede unscharfe Situation klären, im Detail klären, den Sachen auf den Grund gehen. Es geht ihm einfach um die Wahrheit. Er ist besessen davon, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, was sein Leben besonders im Dritten Reich schwierig und gefährlich macht. Natürlich ist er kein Anhänger der Nazis, aber er ist clever genug, um sich nicht aktiv gegen die Nazis zur Wehr zu setzen.

Später, als er sich mit Geheimdienstleuten aus Grossbritannien, Frankreich oder den USA (oder sogar aus Deutschland – Ostdeutschland) konfrontiert sieht, will er nur überleben und für den Rest seiner Tage in Frieden leben. All die Jahre vor, während und nach dem Krieg, die grausamen Aufträge und Missionen haben ihre Spuren bei Bernie hinterlassen. Irgendwie wird er zu einem einsamen Wolf, der in seiner Höhle glücklich sein möchte, abgeschottet von der Welt und allem Verrat.

Andererseits ist Bernie nie allein. Es gibt immer Frauen in seinem Leben, und er vermisst sie, wenn sie nicht um ihn herum sind. Sie kommen und sie gehen. Er heiratet sogar zweimal oder öfter – ich habe den Überblick über sein Liebesleben irgendwann verloren.

Er ist klug und vorsichtig – obwohl er gerne Witze macht und seinen geistreichen Intellekt zeigt. (Manchmal habe ich mich gefragt, ob diese Dialoge nicht doch etwas zu frech und modern für das Dritte Reich, den Kalten Krieg sind …) Im Umgang mit SS-Größen habe ich mich gewundert, warum er nicht sofort in ein Konzentrationslager geschickt oder wegen seiner Respektlosigkeit im nächsten SS-Keller zu Tode geprügelt wird. Seine Fähigkeiten scheinen der Regierungspartei aber immer wichtiger zu sein als …

Unter dem Strick machen die harten und coolen Dialoge, die eingewobenen historischen Fakten, die verschachtelte Handlung mit ihren Wendungen und unerwarteten Enthüllungen die Romane zu faszinierendem Lesestoff.

 

… am Ende:
Philip Kerr, Jahrgang 1956, ist offensichtlich kein Zeitzeuge. Ansonsten hat er aber offensichtlich viel Zeit in Recherchen über die von den 20er bis zu den 50er Jahren investiert – und es ist ihm gelungen, über ein sich wandelndes politisches Klima in Europa und speziell Deutschland spannende Romane mit einem deutschen Helden zu schreiben und historische Fakten, Geschichten aus dem Alltag und „Action“ miteinander zu verknüpfen.

 

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a faint cold fear thrills through my veins ... william shakespeare