annika bengtzon … titelseite

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zu den Büchern & mehr

 

Wenige Minuten bevor die Talkshow begann, setze Thomas sich mit einem Glas Rotwein in der Hand (der rechten, der einzigen) in den Salon.  …
Er trank einen großen Schluck Rioja, Jahrgang 2004, ein ganz exzellenter Jahrgang. Er war jemand, der gute Wein zu schätzen wusste, und bei seiner derzeitigen Arbeitssituation konnte er sich wohl mit Fug und Recht eine Belohnung gönnen, mitten in der Woche.  …
Er streckte die Beine auf dem Sofa aus und genoss es, allein in der Wohnung zu sein. Es war unglaublich entspannend, wenn seine Verlobte draußen auf dem Gut blieb und er die Stadtwohnung für sich hatte.   …
»Annika Halenius, Chefredakteurin des Medienkonzerns Abendblatt, herzlich willkommen.«   …
Die Moderatorin schlug die Beine übereinander und warf einen Blick auf ihr Manuskript, ehe sie Annika wieder ansah. (Seinen Namen hatte sie damals nicht angenommen, als sie geheiratet hatten. Na ja.)
»Heute ist ein historischer Tag«, sagte die TV-Tante. »Denn heute ist das Abendblatt zum letzten Mal in gedruckter Form erschienen, eine Zeitung, deren Herausgeberin Sie über vier Monate lang gewesen sind. Das war eine turbulente Zeit, kann ich mir vorstellen.«  …
»Aber bedeutet es nicht das Ende für den seriösen Journalismus, die Druckausgabe einzustellen?«
Er betrachtet seine Exfrau auf dem Bildschirm. Von allen Menschen war er wohl derjenige, der sie am besten kannte, und er sah, dass sie darum kämpfte, höflich zu bleiben. Eigentlich war sie überhaupt nicht der Typ für diese Art von Interview. 
»Wir haben beschlossen, uns auf den Inhalt zu konzentrieren, ohne uns von dem Format begrenzen zu lassen«, sagte Annika. »Für guten Journalismus muss man nicht unbedingt Bäume fällen, im Gegenteil, wie ich finde. Bis eine neue Nachricht auf Papier gedruckt wird und den Leser erreicht, ist sie per Definition praktisch keine neue Nachricht mehr.«  …
»… wurden zu lebenslanger Haft verurteilt«, sagte die Moderatorin gerade, als sich Tom wieder auf das Sofa setzte. »War das für Sie wie ein Sieg?«
»Ganz und gar nicht. Es gibt keine Gewinner.«  …
»Für mich persönlich war es wichtig, dass der Mord an Josefin Liljeberg endlich aufgeklärt wurde.«
»Warum?«
»Sie verdiente Gerechtigkeit. Damals während des ersten Sommers als Urlaubsvertretung bei der Zeitung habe ich über ihren Fall berichtet.«

aus: “Verletzlich”

 

Leben auf der Überholspur

Am Ende hat Annika Bengtzon alles erreicht.

Sie ist erst etwa Ende 30, ihre reißerischen Reportagen ebneten rücksichtslos ihren Aufstieg von bescheidenen Anfängen bis an die Spitze des Mediengeschäfts. Auf diesem Weg schaffte sie es, den Untergang des traditionellen Printjournalismus, Großraumbüros und das hektische Internet-News-Business zu überleben, bis sich schließlich der neue Online-Journalismus etablieren konnte. Sie überlebte auch einige Recherchen zu Top-Storys, die sie in Lebensgefahr brachten, ebenso wie sie wiederum manchmal schwierige Zeugen oder unbedarfte Randpersonen Gefahren aussetzte, denn nicht alle ihrer News-Aktionen gingen für diese gut aus – es gab Todesfälle.

Annika war glücklich verheiratet mit zwei Kindern, bis ihre Ehe zerbrach, was dazu führte, dass sie ihren gewohnten Lebensstil und ihren Ehemann verlor, der ihr und fast allen anderen gegenüber erst einmal recht boshaft reagierte, bis er … den Weg in eine neues Luxusleben fand. Schließlich schaffte sie es sogar, ihre eigenen Dämonen zu besiegen, die sie seit ihrer Teenagerzeit und ihrer ersten Liebe, ihrem Verhängnis, heimsuchten, als sie in Notwehr töten musste.

Am Ende heiratete sie wieder, einen neuen Partner mit eigenen Kindern – pikanterweise den Chef ihres Ex-Mannes. Jetzt lebt sie in einer Patchworkfamilie mit vier Kindern, bald fünf, weil sie wieder schwanger ist, bzw. eigentlich schon sechs Kindern, weil sie ihre Nichte adoptieren möchte. Ihre Nichte – leider wurden ihre Schwester und deren Partner zu Kollateralschäden, als Annika versuchte, eine Mordgeschichte mit Vermissten aufzuklären.

Kurz gesagt, Annika Bengtzon war immer an vorderster Front, immer auf der Jagd nach Titelstories, immer tief in das Schicksal des Opfers verwickelt – ihr Privatleben kam stets an zweiter Stelle. Anstatt aus dem Tritt zu kommen, depressiv zu werden und sich im Alkohol (oder was-auch-immer) zu verlieren, legte sie einfach zu, um die nächste Ziellinie zu erreichen und hinter sich zu lassen.

Ich, Marlowe, möchte hier kurz drei Dinge erwähnen. Zunächst einmal handelt es sich bei dieser Serie um eine skandinavische Krimiserie aus Schweden, der Heimat des modernen Krimis. Es ist jedoch nicht eine jener dunklen, seelenzermürbenden Serien, die dieses Genre so populär gemacht haben.

Dann … erstrecken sich die elf Romane über einen Zeitraum von etwa fünf Jahren, geschätzt anhand der Alterung von Annikas Kindern. Dieser Zeitraum umfasst jedoch gleichzeitig die Entwicklung von fast zwanzig Jahren, was die Einführung der digitalen Medien, moderner Kommunikation, Radikalisierung der Gesellschaft etc. betrifft. (Nach Aussage der Autorin wird es keine weiteren Romane mehr geben!)

Zum Schluss: Während der TV-Serie hängt über Annikas Schulter immer eine große Tasche, fast eine Reisetasche, die in den Romanen als hässlich und scheußlich bezeichnet wird – ich habe mich immer gefragt, was drin sein mag … Eigentlich benutzt Annika nur ihr Handy, einen winzig kleinen Notizblock und ein schlankes Notebook – nichts, was eine so große Tasche rechtfertigen würde.

Die zentrale Figur der Serie ist eine Journalistin. Natürlich gibt es Polizisten und Kommissare, es gibt Staatsanwälte, es gibt Richter, aber sie sind nur Nebenfiguren. (… und natürlich gibt es noch andere Journalisten!)

Annika Bengtzon ist immer auf der Jagd nach einer Story für die Titelseite. Diese Titelseite kann aber auch eine Geschichte über einen endlos verregneten Sommer enthalten, die jüngsten Verfehlungen und Skandale des schwedischen Königshauses, Sportergebnisse, Zickenkrieg zwischen Social Media-Berühmtheiten, die Geburt eines Babies mit zwei Köpfen etc. Annika arbeitet für ein Boulevardblatt. All dies verblasst natürlich, wenn Annika beginnt, einen Kriminalfall, einen Mord oder gar einen Terroranschlag zu untersuchen. Ihre Berufung ist die Erforschung der dunklen Seiten des Lebens; nicht nur Sex sells, auch Mord verkauft sich gut.

Ich glaube nicht, dass es notwendig ist zu erwähnen, dass Annika sich weit über den normalen Arbeitstag hinaus engagiert. Wenn etwas Schreckliches passiert, wirft sich Annika ihre Tasche über die Schulter und ist bereit. Zum Glück hat sie einen Ehemann, der sich um die Kinder und um den Haushalt kümmert, obwohl auch er einen Job hat. Dabei spielt es für Annika keine Rolle, ob die Familie kurz vor einem Wochenende mit den Eltern bzw. Schwiegereltern oder vor dem Start in den Sommerurlaub steht. Annika setzt die Prioritäten. (Kein Wunder, dass die Ehe schließlich scheitert – na ja, es steckt schon noch etwas mehr dahinter.)

Erinnert das an etwas? Annika lebt wie ein typischer männlicher Protagonist. Im Vergleich mit anderen Krimiserien hat fast immer ein Mann die Hauptrolle, meistens ein Polizist bzw. Kommissar. Er gibt sich seiner Arbeit hin und schuftet unermüdlich, bis der Fall in trockenen Tüchern ist. Währenddessen flippt seine Frau regelmäßig aus, langweilt sich in der Ehe, und die Ehe kommt irgendwann zu einem quälenden Ende. Währenddessen wachsen seine Kinder ohne seine Nähe heran und beginnen ihr eigenes Leben, während ihr Vater weiterhin mit Mord beschäftigt ist. Währenddessen fängt er an, aus Frust zu trinken …

Annika passt am Ende nicht zum männlichen Prototyp: Sie beginnt ein neues Leben mit einer Patchworkfamilie. Weibliche Workaholics scheinen nicht dazu verdammt zu sein, alles zu verlieren.

Während der Serie schreibt Annika über alles, was irgendwie mit Kriminalität zu tun hat: insbesondere aber über Mordopfer. Annika lässt sich immer auf die Opfer ein, beschäftigt sich mit ihnen und will Rache, d. h. Gerechtigkeit, auch wenn die Fälle aussichtslos erscheinen. Sie taucht sogar in ihr fremde, nicht ungefährliche Welten ab, wenn sie undercover auf Informationssuche geht.

Ihr könnt sicher sein, dass Annika irgendwann mit allen aktuell bekannten Spielarten von Verbrechen irgendwie in Kontakt kommt.

Es gibt einen Terroranschlag (erster Eindruck!), der für Annika zu einem traumatischen Erlebnis wird. Sie gräbt und gräbt in einem anderen Fall, bis Terrorzellen aus der Vergangenheit aufgewühlt werden. … und schließlich ist da einer jener berüchtigten Serienmörder, der seit … arbeitet, bis Annika ihre eigenen Schlüsse zieht und publiziert. Justizirrtümer dürfen auch nicht fehlen.

Daneben gibt es Geldwäsche, ein Business, das tödlich enden kann. Natürlich sind auch Menschenhändler am Werk. Eine Geiselnahme spitzt sich zu, in die Annikas Ehemann verwickelt ist. Die Fälle werden immer politischer und internationaler. Annika muss sich auch mit einem Auftragsmörder herumschlagen, der ihre Familie und ihr Heim im Visier hat.

Die Geschichten sind temporeich und spannend. Es ist eine Art Chronik über das moderne Leben, moderne Familien, modernes Jobmanagement und moderne Verbrechen, zunehmend vor dem Hintergrund der Globalisierung und ihrer manchmal faulen Früchte.

 

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a faint cold fear thrills through my veins ... william shakespeare