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grijpstra und de gier in amsterdam

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Grijpstra ging in das Zimmer und seufzte. Er sah die Leiche, und sie bewegte sich, genau wie er es erwartet hatte. Erhängte drehen sich immer ein wenig, wegen der Zugluft. De Gier stand schweigend neben seinem Vorgesetzten und schaute ebenfalls. Er sah die kleinen nackten Füße, mit den zum Boden gerichteten Zehen. Dann sah er nach oben und sah die ausgestreckte Zunge und sie weitoffenen hervortretenden blauen Augen. Eine kleine Leiche, ein Mann von höchstens ein Meter sechzig, ein schlanker Mann, ordentlich gekleidet in einer beigefarbenen Hose aus gutem Stoff mit scharfer Bügelfalte und einem getreiften, frisch gewaschenen Oberhemd. ….
Tag für Tag hatten sie nichts anderes zu tun als herumzufahren und sich ein wenig umzusehen – und plötzlich zwei Leichen an einem Abend. Sie hatten die erste Leiche am frühen Abend gefunden, oder sie hatten vielmehr gesehen, wie aus einem Menschen eine Leiche wurde. Die Frau lebte noch, als sie sie fanden, nackt und blutend in dem schäbigen Bordell an der Gracht. Mit einem Messerstich im Bauch. Sie starb in den Armen des Arztes, der nach dem Anruf de Giers gleich gekommen war. Sie hatte den Täter noch deutlich beschreiben können, während sie die Hände auf den Bach presste, um das Blut zu stillen. Eine alternde Hure, ein liebenswürdiger Mensch sozusagen. De Gier hatte den jungen Mann unter einem Baum gefunden, direkt gegenüber dem Bordell. Der Junge saß mit dem Rücken an einer dicken Ulme und starrte ins Wasser, das Messer hielt er noch in der Hand. Er gestand sofort. Ein netter Junge, aber mit Messern und älteren Frauen nicht zu trauen, die ihn an seine Mutter erinnerten. …
Die ganze Sache mit der toten Hure hatte sie nur anderthalb Stunden gekostet, die Polizeiwache war um die Ecke, die Zelle leer, die Schreibmaschine bereit und der Verdächtige geständig. Und jetzt wieder dies.

aus: Outsider in Amsterdam

Schmutzige Wasser in einer alten Stadt

Grijpstra und de Gier habe ich in den 70er und 80er Jahren kennengelernt und gelesen. Zur gleichen Zeit streifte Martin Beck durch Stockholm und Schweden, um Kriminalfälle in einer zutiefst sozial orientierten Gesellschaft zu lösen. Auch Pepe Carvalho war in Barcelona damals als Privatdetektiv tätig und fischte im Trüben quer durch alle Gesellschaftsschichten. Il Commissario Montalbano aus Sizilien war zu dieser Zeit allerdings sicher noch nicht mehr als ein Gedankenblitz im Kopf seines Schöpfers – wenn überhaupt (in guter Gesellschaft mit Kostas Charitos aus Athen).

Amerikanische Ermittler wie Philip Marlowe, natürlich schon etwas früher im Geschäft, und Lew Archer konzentrierten sich in Los Angeles und Kalifornien auf die schmutzige Wäsche der Wohlhabenden, wenn diese mit dem anderen Teil der Gesellschaft aneinandergerieten. Grave Digger Jones und Coffin Ed Johnson passen da schon eher ins Bild, weil sie sich mit den Underdogs von New York beschäftigten.

Nur in Europa gab es damals diesen neuen Ansatz, Detektive zu erschaffen, die ein Eigenleben hatten, geprägt von ihrer schwierigen und elendigen Arbeit, die jeden Tatort durchwühlten und allen Beteiligten auf den Pelz rückten, nur um die Wahrheit zu erfahren – nicht unbedingt im Dienste der Gerechtigkeit. Das Verbrechen wurde zu einer alltäglichen Sache, die sich einfach so ereignete oder vielleicht aus eigentlich längst begrabenem Hass oder Rachegedanken heraus geplant wurde, jedoch immer so, als ob sich etwas Schreckliches gleich nebenan ereignen würde.

Grijpstra und de Gier sind Teil dieser Welle …

Grijpstra ist ein gemächlicher Mensch, der gerne isst. Er ist verheiratet und hat drei Kinder, ist aber unglücklich in seiner Ehe. Die Ehe wird also enden und Grijpstra wird allein in einer einfachen Wohnung leben, mit einfachen Lösungen wie einem Schlafsack. Ganz unprätentiös.

De Gier ist gutaussehend und ein Frauenheld. Er lebt mit seinem Kater in einer kleinen Wohnung und genießt sein Leben. Ab und zu dringt eine Frau in diese Idylle ein, die aber nicht auf Dauer bleibt.

Gemeinsam streifen sie durch Amsterdam. Da sind die Grachten und die alten Patrizierhäuser, da sind die Huren und ihre Zuhälter. Es gibt auch Huren der Oberschicht, die genauso als als blutige Leichen enden können wie die billigen Huren. Es gibt jede Menge Kleinkriminelle, Möchtegern-Kriminelle, Leute, die einfach nur Geld brauchen und denen es nichts ausmacht, Recht und Gesetz ein wenig zu beugen. Es sind die 70er Jahre mit den Hippies und Sex und Drogen – Drogen spielen immer wieder eine Schlüsselrolle.

Nicht zu vergessen sind die professionellen Verbrecherbanden, das organisierte Verbrechen, das sein Netzwerk in ganz Amsterdam, den Niederlanden, Europa, der ganzen Welt aufgebaut hat … Hin und wieder geht auch ein aus dieser Ecke gut geplantes Vorhaben schief und es bleiben Kollateralschäden, die von der Polizei beseitigt werden müssen.

Grijpstra und de Gier erleben in den Nächten in Amsterdam alles, was man sich vorstellen kann – und noch mehr. Im Polizeipräsidium teilen sie sich ein Büro – mit einem Schlagzeug. Das Schlagzeug wurde vor langer Zeit in diesem Büro zurückgelassen und vergessen. Grijpstra benutzt es und spielt mit wachsender Begeisterung. De Gier suchte seine Flöte, fand sie, begann zu spielen und so genießen beide die Zeit in ihrem Büro mit Musik. Manchmal.

Und dann ist da noch der Commissaris. Er ist von den Fähigkeiten und der Arbeitsmoral seiner beiden Ermittler voll überzeugt. Obwohl er an der Spitze steht – oder fast ganz oben in der Polizei – gibt er Grijpstra und de Gier gerne besondere Fälle, die sich oft als knifflig und undurchsichtig erweisen. Der Commissaris hat eine Vergangenheit, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht und heute bei ihm für rheumatische Schmerzen verantwortlich ist. Trotzdem will er seinen Job nicht aufgeben und giert immer nach der Wahrheit, da er unbestechlich ist.

Grijpstra und de Gier machen ihren Weg durch die Serie und hinterlassen ihre Spuren. Am Ende verlassen sie das Polizeikorps und arbeiten als Privatdetektive. Es lohnt sich, ihre Abenteuer auch heute, etwa 30-40 Jahre später, zu verfolgen.

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a faint cold fear thrills through my veins ... william shakespeare