martin beck, leiter der reichsmordkommission

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zu den Büchern und was sonst es noch gibt

 

10 Jahre Gewaltverbrechen

 

„Die Gewaltverbrechen sind in den letzten 10 Jahren wie eine Lawine über die ganze westliche Welt hereingebrochen. Diese Lawine kann nicht von einzelnen Menschen gebremst oder gesteuert werden. Die wird nur immer größer.”

aus: „Die Terroristen”

 

 

Es geht um 10 Romane, die sich über einen Zeitraum von 10 Jahren erstrecken.

 

Ich, Marlowe, will gleich zu Beginn in eigener Sache etwas zu Protokoll geben: „Der Mann, der sich in Luft auflöste“ war der 1. Kriminalroman, der uns unter die Haut ging – süchtig machte… Er war spannend, er war anders, es war ein ganz neuer Schreibstil… und er sorgte dafür, dass wir uns sofort auf die Suche nach den anderen Romanen dieser Serie aus Schweden machten.

Meine Mitbewohnerin war schon immer ein Krimi-Fan – als Teenager war Kalle Blomquist ihr absoluter Held… Aber erst die Romane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö brachten uns dazu, die wunderbare Welt der Kriminalliteratur zu erforschen.

 

Also noch einmal: Es geht hier um 10 Romane, die im Zeitraum von 10 Jahren (1965 – 1975) spielen. Mit 10 Mordfällen? Nein – eher nicht: in den beiden ersten Bänden der Serie geht es zwar jeweils um einen singulären Mord, der aufzuklären ist und Martin Beck und sein Team (aka Mordkommission von Stockholm) beschäftigt, aber dann explodiert die Welt… Es sind nicht mehr nur einzelne Morde, sondern es werden immer mehr Tote – Kollateralschäden. Es ist nicht mehr nur ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss, sondern mehrere Verbrechen passieren und hängen zusammen (oder auch nicht!). Von Jahr zu Jahr begeht die „Gesellschaft” – ein zentrales Thema der Serie – immer mehr Straftaten und die Polizei ist immer häufiger überfordert.

Womit beschäftigt sich Martin Beck?

Er sucht einen Sexualmörder, findet ihn, hat aber keine Beweise… und stellt dem Täter eine Falle, die nach hinten losgeht und fast das Leben einer jungen Polizistin zerstört.

Er jagt mit der gesamten Polizeimacht einen Pädophilen in einem langen, heißen Sommer, der nur deshalb gefasst wird, weil die Beobachtung einer Rentnerin schließlich doch noch ernst genommen wird.

Da gibt es ein Saufgelage unter Freunden und am Ende einen Toten. Mit sehr viel Aufwand wird der Tote versteckt und eine falsche Spur gelegt; der Täter bleibt beinahe unentdeckt.

Eine Affäre wird lästig: der Ehemann beschließt, sich seiner Geliebten zu entledigen und die Tat einem bekannten Sexualstraftäter anzuhängen.

Ein großer Knall: ein Massaker in einem Bus! (Und das in einem Roman Ende der 60er Jahre…) Der Fall, bei dem auch ein Kollege aus Martin Becks Team sein Leben verliert, ist extrem in jeder Beziehung – aber wenn der gesellschaftliche Status in Gefahr gerät, sind extreme Maßnahmen keineswegs so abwegig.

Ein anderes Mal wird ein pensionierter Polizist brutal ermordet, der seine autoritären Ansichten pflegte und immer brutal durchgegriffen hat: eine offene Rechnung wird beglichen, die Situation eskaliert und kostet Martin Beck fast das Leben.

Schiefgegangene Autoschiebereien, Diamantenschmuggel, Drogen: jemand wird zu gierig und will neben den Großen im Geschäft mitmischen. Kleinkriminelle tauchen als Wasserleichen und Brandopfer auf: ein großes Durcheinander, in dem Marin Becks bester Freund (und Kollege) niedergestochen und ernsthaft verletzt wird.

Dann wird ein Konzernchef erschossen, der in illegale Waffengeschäfte verwickelt ist – auch eine offene Rechnung! Der Täter kann zuerst entkommen, da 2 Streifenpolizisten eine Einsatzmeldung verschlafen…

Ein Erpresser wird erschossen und der Täter kommt davon – nur um für ein anderes Verbrechen, das er nicht begangen hat, verurteilt zu werden.

…und zum Schluss: das geplante Attentat auf einen US-amerikanischen Politiker mitten in Stockholm!

Das sind die Aufhänger, die zentralen Fälle, mit denen sich Martin Beck beschäftigen muss – drum herum gibt es weitere Verbrechen und Straftaten, die in das Hauptgeschehen hineinspielen, parallel passieren oder einfach nur gleichzeitig auf den Schreibtischen der Polizei landen: Teenager verschwinden, Drogendealer werden ermordet, Obdachlose provozieren… Es gibt immer mehr Täter, die immer häufiger davonkommen. Manchmal hat die Polizei nicht genug Beweise, manchmal sind die Beamten zu träge und manchmal funktioniert ein Aufnahmegerät bei einem Verhör nicht: die Polizisten sind auch nur Menschen mit all ihren Leidenschaften und Schwächen und ihrem Drang, sich das Leben einfacher zu machen.

Kommen wir zu Martin Beck und seinem Team. Martin Beck lebt (natürlich) in Stockholm. Zu Beginn ist er 1. Kriminalassistent, dann wird er Kriminalkommissar und schließlich ist er der Leiter der Reichsmordkommission. Zu Beginn ist er (unglücklich) verheiratet und hat 2 halbwüchsige Kinder, dann lässt er sich scheiden und lebt ein paar Jahre lang allein, um schließlich eine neue Frau zu finden und glücklich zu werden – zumindest privat.

Er ist ruhig, nachdenklich und zieht seine Schlüsse. Beck sieht seine Arbeit und die Gesellschaft kritisch bzw. im Laufe der Jahre zunehmend kritischer, aber er revoltiert nicht – er ist keiner von denen, die immer ihren eigenen Weg gehen müssen und sich gegen Autorität auflehnen (wie es häufig in Kriminalromanen zu finden ist). Er geht zwar seinen Weg, aber in den Grenzen seines Verantwortungsbereichs. Eine einschneidende Erfahrung ist seine Schussverletzung beim Amoklauf eines Verdächtigen: er weiß (…und auch sein Team weiß es!), dass er unüberlegt gehandelt hat, aber es schadet seiner Karriere nicht – im Gegenteil.

Er beisst sich an seinen Fällen fest: er arbeitet die Nacht hindurch und am Wochenende und auch zu Weihnachten – wenn es sein muss… Seine Familie ist oft enttäuscht und das (vielleicht nie wirklich vorhandene) Familienidyll platzt: Scheidung.

Liebt Martin Beck seinen Beruf? Ich denke, er liebt es, Verbrechen aufzuklären und Täter zu überführen: er muss die Wahrheit herausfinden, auch wenn es manchmal für den Täter keine Konsequenzen hat. Sein Aufstieg in der Polizeihierarchie ist nachvollziehbar, aber… vielleicht wäre er glücklicher, wenn er irgendwo mittendrin stehengeblieben wäre – auf einer Stufe, wo er zwar selbstständig ermitteln dürfte, aber von Verwaltung, Personalpolitik und Politik im allgemeinen verschont würde.

Sein bester Freund und Kollege ist Lennart Kollberg, der erst spät eine jüngere, gut aussehenden Frau geheiratet hat und nun 2 Kleinkinder zu seiner Familie zählt. Kollberg hat im Laufe der Jahre immer häufiger Probleme mit seinem Job, der Polizei und ihrer Rolle in Schweden, aber vor allem auch der Entwicklung der Gesellschaft, so dass er schließlich den Dienst quittiert – ein Entschluss, zu dem auch seine Begegnung mit einem Profikiller, von dem er fast erstochen worden wäre, beigetragen hat.

Daneben gibt es noch: Gunvald Larsson, der manchmal gern die Spielregeln verletzt, dann Einar Rönn, Fredrik Melander, Åke Stenström, Benny Skacke… Per Månsson aus Malmö (mit Verbindung nach Kopenhagen – „Die Brücke“ gab es damals noch nicht!)… Sie alle sind Polizisten und leisten ihren Beitrag – sie sind aber auch Menschen mit einem eigenen Leben und Schicksal. Auch wenn Martin Beck die Hauptfigur ist, bleiben die anderen nicht im Hintergrund, sind keine reine Staffage.

…und da sind auch noch die beiden Streifenpolizisten Kristiansson und Kvant, ein „running gag“ der besonderen Art. Sie tauchen immer wieder auf und sorgen dafür, dass etwas schief läuft – unbewusst, denn sie sind naiv und faul und versuchen, allem Stress aus dem Wege zu gehen. Leider leidet manchmal die Aufklärung der Verbrechen darunter. Einen der beiden ereilt zwar sein Schicksal, als er von einem Heckenschützen erschossen wird – aber sein Partner bekommt einen neuen Partner und macht weiter wie immer…

Es geht um die Jahre 1965 – 1975: was fällt euch dazu ein? Flower Power, Drogen, Hippies, Jugendprotest, Studentenunruhen, sexuelle Revolution, die Pille… Die gesellschaftliche Umwälzung dieser Zeit ist auch in Stockholm und den Romanen spürbar. Schweden war bis dahin der vorbildliche Sozialstaat in Europa – doch die sozialen Strukturen beginnen zu bröckeln.

Hier möchte ich, Marlowe, noch einmal einhaken: Die Autoren sind überzeugte Marxisten (gewesen – Per Wahlöö  † 1975); ihre Weltsicht kommt in den Romanen in ihrer Darstellung der Gesellschaft und der Geschehnisse zum Ausdruck. Allerdings benutzen sie nicht den linken Vorschlaghammer: es ist eine Kritik an der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die sie durch Handlungen und Aussagen der agierenden Personen präsentieren.

Sie haben den Romanzyklus, der von vornherein auf 10 Romane im Zeitraum von 10 Jahren angelegt war, als „Roman über ein Verbrechen“ betitelt, wobei für sie das Verbrechen das Umfeld ist, in dem die Menschen leben müssen.

Warum sollen wir heute eigentlich noch Kriminalromane lesen, die mittlerweile immerhin schon etwa 50 Jahre alt sind?

Es gab noch keine Smartphones, keine Notebooks, keine digitalisierten Verbrecher- oder Fahrzeigdateien, keine gespeicherte DNA-Profile, die auf „Click” abrufbar und vergleichbar waren… die Forensik steckte im Vergleich zu heute noch in den Babysöckchen – all die „Action“, die wir heute aus Serien wie „CSI“ gewohnt sind, entfällt, aber es fällt beim Lesen gar nicht auf.

Die Romane sind überraschend aktuell. Die Verbrechenslawine ist heute so realistisch wie damals. Die Sprache der Romane ist frisch und präzise: es gibt keine ausschweifenden Situations- und Landschaftsbeschreibungen, keine Rückblicke in die Vergangenheit. Die nackten Fakten werden niedergelegt und skizzieren ein Gesamtbild der Gewalt.

Der Romanzyklus ist inzwischen ein Klassiker der Kriminalliteratur. Die Geschichten sind so spannend wir vor 50 Jahren. Wir lesen über die Brutalität der Verbrechen und der Gesellschaft und über die leidigen Kollateralschäden. Es gibt Sex, der genauso genannt wird. “Swinging London” in Stockholm sorgt für den gleichen Fall-out wie überall sonst auf der Welt.

Es ist eine unspektakuläre Realität, die wir kennenlernen. In „Die simple Kunst des Mordes“ sagt Raymond Chandler, dass der Mord aus der venezianischen Vase herausgenommen werden muss und in die Gosse gehört: Sjöwall/Wahlöö machen genau das. Sie konstruieren keine komplizierten Plots und schwelgen in unrealistischen Motiven und Alibis – sie dokumentieren die Realität (wenn auch durch ihre persönliche Brille gesehen).

Es lohnt sich, den Romanzyklus von vorn bis hinten zu lesen – auch heute noch. Es sind skandinavische Romane – wer kennt diese Art des Kriminalromans nicht -, aber sie sind nicht so düster und so melancholisch, so depressiv und so verzweifelt, wie andere Autoren aus dem europäischen Norden in jüngerer Zeit Kriminalfälle und die Gesellschaft dargestellt haben.

 

Was gibt es sonst noch zu sagen?
Die Romane wurden Anfang der 90er Jahre verfilmt – wg. Vollständigkeit sind die DVD aufgeführt; wir habe sie aber nie gesehen.
Dann begann Ende der 90er Jahre eine TV-Serie über „Kommissar Beck“ (d. h. nach Motiven des Romanzyklus…), die ein voller Erfolg wurde, denn im Abstand von ca. 3 Jahren wird immer wieder eine neue Staffel gedreht. Wir haben uns ein paar Folgen angeschaut – es sind Geschichten, die in der Gegenwart spielen und in denen Martin Beck, Gunvald Larsson etc. auftauchen.

 

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a faint cold fear thrills through my veins... william shakespeare