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Wenn man nicht so genau hinsah, hätte sie für Ende Zwanzig durchgehen können, vor allem bei der Figur. Ihre Kleidung unterstrich diesen Eindruck noch: seidenes Maßkostüm und hohe Absätze, die die Beine gut zur Geltung brachten. Aber Augen und Mund waren sorgenvoll. Ihre Augen waren tiefblau und hatten einen seltsamen Blick. Sie sahen einen direkt und prüfend an, schauten aber zugleich über einen hinweg. Sie konnte auf Jahre zurückblicken und hatte mehr Dinge gesehen, als die Augen eines Mädchens je gesehen hatten. Etwa fünfunddreißig, dachte, und immer noch im Rennen.
Ohne ein Wort zu sagen, stand sie in der Tür und ließ meine Musterung über sich ergehen. Sie kaute auf der Unterlippe herum, während sie beinahe angstvoll die schwarze Wildledertasche umklammerte. Ich schwieg ebenfalls.   …
»Mr. Archer?« fragte sie schließlich.
»Ja. Wollen Sie nicht reinkommen?«
»Danke. Entschuldigen Sie, dass ich nicht so albern benehmen. Als ob Sie der Zahnarzt wären.«
»Detektive und Zahnärzte sind gleichermaßen unbeliebt. Ich kann sie auch nicht leiden.«
»Wirklich? Übrigens bin ich noch nie bei einem Zahnarzt gewesen.« Sie lächelte, als ob sie das Gesagte illustrieren wollte, und gab mir ungezwungen die Hand. Sie war fest und gebräunt. »Auch nicht bei einem Detektiv.«   …
»Hören Sie«, sagte ich, »ich habe die Haut eines Nashorns und ein Herz aus Stahl. Seit zehn Jahren bin ich in Los Angeles und bearbeite Scheidungsfälle. Wenn Sie mir etwas Neues erzählen können, werde ich den gesamten Wettgewinn von einer Woche für wohltätige Zwecke spenden.«  …
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ich habe gestern einen Schock erlitten.« Sie sah mir voll ins Gesicht und wandte den Blick dann in die Ferne. Ihre Augen waren tief wie das Meer vor der Küste von Catalina. »Jemand versucht, mich zu vernichten.«
aus “Unter Wasser stirbt man nicht!”

 

Der einsame Privatdetektiv

Lew Archer verdient sein Geld als Privatdetektiv in Los Angeles. Er lebt in den 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts – und er ist allein. Manchmal liest man von einer Ex-Frau (soweit ich mich erinnere), aber in den Romanen gibt es keine Frauen in seinem Leben. Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals etwas von Familienangehörigen gehört zu haben … Ganz offen, es scheint niemanden in seinem Leben zu geben: Er widmet sich voll und ganz seinen Klienten und seinen Fällen.

Wenn jemand als “ein wahrer Nachfahre Marlowes” bezeichnet werden kann, dann ist es Ross Macdonalds Lew Archer, der einer dieser Privatdetektive ist, die nach Raymond Chandlers Marlowe-Prototyp gestrickt worden sind.

Ich, Marlowe, möchte allerdings darauf aufmerksam machen, dass Archer kein tragischer und unglücklicher Mensch ist. Vielleicht muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass es damals nicht üblich war, die Geschichte des Detektivs (oder wer auch immer ermittelt hat) parallel zur Geschichte des Mordfalls zu erzählen. Lew Archer bleibt also ein unbeschriebenes Blatt – mehr oder weniger.

Ansonsten beherrscht der Fall jeden Roman, und Archer wird mit dem Fall beauftragt bzw. es beginnt meist mit einem neuen, kleinen Vorfall, den es aufzuklären gilt. Archer beginnt zu ermitteln und stolpert über viele kleine und große Geheimnisse und Verbrechen der Vergangenheit. Ihr könnt euch darauf verlassen, dass jedes Mysterium aufgelöst wird und dass Archer alles fein säuberlich zur Kenntnis nehmen wird.

Die Prämisse in allen Romanen, die übrigens auch heute noch sehr spannend zu lesen sind, ist, dass es keine offenen Rechnungen gibt. Niemals. Selbst wenn nach Jahrzehnten aus heiterem Himmel jemand aus der Vergangenheit auftaucht oder etwas Unerwartetes passiert – wird alles mit einem Mal wieder aktiv und lebendig und möchte enthüllt bzw. aufgedeckt werden. Natürlich tauchen mit einem Mal auch Leichen auf.

Alles geschieht irgendwo vor der Kulisse des ewigen Los Angeles und eines hinreißenden Südkaliforniens, einer Landschaft voller Licht und Sonnenschein, in der niemand Verbrechen und Mord vermutet. Archer kurvt durch die Straßen von Los Angeles und folgt Spuren in die kleinen Städte entlang der Küste. Seine Klienten leben ihr angenehmes Leben in schönen Villen – normalerweise, aber Archer muss oft auch tief in die Abgründe auf der anderen Seite der Gesellschaft abtauchen.

Wenn ihr es bis jetzt noch nicht mitbekommen habt: Archer hat es mit Familienangelegenheiten zu tun, die sich als nicht weniger gefährlich erweisen, als sich unter Kriminellen zu bewegen, Gewalttätern, die schon Bekanntschaft mit dem Gefängnisgemacht haben. Archers Fälle zeigen, dass Kriminalität überall gedeiht und dass selbst wohlhabende Familien ihre Leichen im Keller haben.

Ohne nun auf Einzelheiten des Gesamtwerks einzugehen, möchte ich vorschlagen, einfach mit der Lektüre eines der Romane zu beginnen und sich von den verzwickten Handlungssträngen und dem sachlichen Stil, in alles geschrieben ist, mitreißen zu lassen.
(Es gibt auch einige Verfilmungen, aber ich war nie der Meinung, dass sie mit den Romanen mithalten konnten.)

 

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a faint cold fear thrills through my veins ... william shakespeare